Interview: „Sie träumen von einer besseren Welt“

Revolution in Nordafrika – Wie sieht der tunesische Migrant Taoufik Kraiem die jüngsten Vorgänge in seiner Heimat und was denkt er über die Angst vor dem Flüchtlingsansturm in Europa? Ein Gespräch mit einem Araber, der vor 34 Jahren nach Österreich ausgewandert ist, und versteht, dass seine Landsleute mehr vom Leben wollen. Mehr als der Westen ihnen jahrzehntelang ermöglichen wollte, so Kraiem.


Warum sind Sie nach Österreich ausgewandert?

Taoufik Kraiem: Ich habe damals als Schüler in Tunesien eine Sportlerkarriere verfolgt. Doch ich war dem harten Wettbewerb und Ausleseverfahren in der Schule nicht gewachsen und da ich ein rebellischer Typ war und mir das politische System gegen den Strich ging, verließ ich das Land. Zuerst habe ich in Frankreich gearbeitet und war von dort aus viel in Europa unterwegs, auch in Österreich. Später spielte ich mit dem Gedanken nach Tunesien zurückzukehren. Als ich dann aber Freunde in Österreich kennenlernte, entschloss ich mich hierher zu ziehen und die deutsche Sprache zu lernen. Das AMS gab mir grünes Licht und nach zwei Wochen fand ich hier eine Stelle.

Die Flüchtlingswelle aus Nordafrika reißt nicht ab. Fast täglich landen Boote mit Tunesiern auf der überfüllten Insel Lampedusa, die als Auffanglager dient. Haben Sie noch Familie und Freunde in Tunesien und haben die vor, nach Europa auszuwandern?

Kraiem: Meine Familie und Freunde wollen das Land nicht verlassen, das ist ihre Heimat. Aber viele junge Tunesier und Tunesierinnen wollen auswandern. Tunesien ist ja ein sehr junges Land, aber die Arbeitsplätze sind rar und zusätzlich gibt es seit Jahrzehnten ein diktatorisches System. Außerdem werden die wenigen Jobs die es gibt oft nur über Bekanntschaften und Schmiergelder vermittelt.

Italien und andere EU-Staaten haben Angst vor dem Flüchtlingsansturm, da jetzt zusätzlich 300.000 libysche Migranten erwartet werden. Welche Motivation treibt diese Menschen an und welche Zukunft stellen sie sich in Europa vor?

Kraiem: Im Fernsehen sehen die Jugendlichen Bilder vom perfekten Westen und diesen wollen sie auch erleben. Sie träumen von einer besseren Welt und glauben, in Europa ist sowieso alles automisch besser als in Tunesien. Dort, denken sie, würden sie schon irgendwie zu Geld kommen. Dabei sind viele von ihnen Akademiker oder haben einen Beruf gelernt und trotzdem bekommen sie in Tunesien keine Arbeitsstelle. Auch viele in meiner Familie. Bei der Wahl des Landes entscheiden sich die meisten zuerst für Frankreich, wegen der Sprache, oder für Italien, weil es so nahe liegt.

Würden Sie unter den jetzigen Umständen auch das Land verlassen?

Kraiem: Ich sehe das heute anders als früher. Jetzt als 60-jähriger sehne ich mich nach meiner Heimat zurück. Aber als junger Mann wollte ich unbedingt weg. Deshalb verstehe ich die Jugendlichen. Obwohl, jetzt haben wir endlich Hoffnungen, dass sich die Situation in Tunesien verbessert. Aber es ist ein weiter Weg – die Revolution ist erst zu 80 Prozent vorüber und die meisten jungen Menschen haben keine Geduld. Trotzdem, viele wollen auch in ihrer Heimat etwas erreichen und ihr Land neu aufbauen, und sie kämpfen dafür!

Vor kurzem ist der Ministerpräsident der Übergangsregierung nach blutigen Protesten zurückgetreten. Diese neue Regierung wurde von der Bevölkerung nicht akzeptiert. Ist es schwer für die tunesische Bevölkerung einer neuen Regierung zu vertrauen?

Kraiem: Es ist eine sehr turbulente und schwierige Zeit. Der neue Präsident (Beji Caid Essebsi, Anm.), der seit gestern an der Macht ist, hat viel Charisma. Er ist zwar durch und durch Politiker, war aber in seiner politischen Karriere immer sauber. Es ist natürlich schwer, alle zufrieden zu stellen. In der jetzigen Regierung gibt es immer noch Mitglieder des alten Regimes, die Bevölkerung verlangt jedoch eine komplett neue. Außerdem wollen sie endlich ein Verhältniswahlrecht, damit der Präsident weniger Macht hat und endlich direkt vom Volk gewählt wird. Doch die Macht der alten Garde ist noch sehr gefestigt und es gibt auch Tunesier, die vom alten System profitiert haben und diese Vorteile behalten wollen. Dann kommt noch Gaddafi (Anm. Muammar al-Gaddafi, libysches Staatsoberhaupt) hinzu, der die Demokratie in Tunesien verhindern will. Viele vermuten, dass jetzige Unruhestifter in Tunesien von Libyern bezahlt werden. Sie wollen Unruhe, damit das tunesische Volk sich doch das alten Regime zurückwünscht, da dieses Ihnen mehr Sicherheit geboten hat. Ich glaube aber auch, dass der Westen Libyen und die Regimes in den anderen arabischen Ländern nicht so schnell aufgeben wird. Besonders die USA will ihre Interessen bewahren. Hier gilt in erster Linie die Sicherheit Israels und das Öl. Unsere Sicherheit kommt erst später. Ich finde, der Westen hat diese Diktatoren zu lange unterstützt mit der Rechtfertigung, dass diese Regimes ein angebliches Bollwerk gegen den Islamismus wären. Diese sogenannten fundamentalistischen Islamisten sind nur eine Minderheit in unseren Ländern.

Interview verfasst von Johannes Pleschberger.

Video: “DiVa” EU-Projekt-PR

PR-Video: “DiVa” ist ein EU-Projekt, das Bildungsprojekte der Europäischen Union evaluiert und PR-Konzepte für diese entwickelt. Im Grunde geht es darum, EU-Projekte den Bürgern schmackhaft zu machen.

Gefilmt wurde beim “DiVa”-Workshop in Graz am 23./24. November. Dieses Video wurde von Johannes Pleschberger und Steffi Zmölnig produziert (Interview, Kamera und Schnitt).

Zukunft Bosniens ohne EU ungewiss

Korruption, nationale Politiker und Blockaden in der Regierung. Nicht einmal Wahlen können die aussichtslose Situation in Bosnien verändern, sagt Balkan-Experte Mappes-Niediek. Nur ein EU-Beitritt würde Zukunft bedeuten. Zukunft, die viele fürs Erste im Ausland suchen.

Von Banja Luka nach Graz

„Vor zwei Jahren bin ich nach Österreich gekommen, und am Anfang war alles fremd, ganz anders als daheim.“ Die Architekturstudentin lächelt und wendet ihren Blick wieder dem Fleisch zu, das sie zum Braten vorbereitet. „Das was ich hier am meisten vermisse sind Ćevapčići, echte Ćevapčići.“ Marija Malinović kommt aus Banja Luka, Bosnien-Herzegowina, und hat sich für ein Studium in Graz entschieden. Warum? „Weil das Architekturstudium bei mir zuhause keine Perspektive bietet. Vieles ist unorganisiert, man weiß nicht wann die Vorlesungen stattfinden und Professoren gibt es auch zu wenig.“ Die 21-jährige fügt hinzu, dass sie nicht die Einzige ist: „Viele bosnische Studenten gehen zum Studieren ins Ausland – wenn sie die finanzielle Möglichkeit dazu haben. „Österreich, Slowenien und Kroatien, ein paar auch in andere Länder, wie die USA,“ sagt Marija.

Ein Land mit drei Nationen

Bosnien? Das ist doch ein Entwicklungsland! So oder ähnlich denken viele Europäer über den Westbalkanstaat. Doch nur wenige kennen die Hintergründe seiner komplizierten Geschichte, die in den letzten 20 Jahren öfters für weltweite Schlagzeilen sorgte.

Tausende bosnische Flüchtlinge fanden in Österreich und anderen Ländern eine neue Heimat, ihr Land hingegen versank im Bürgerkrieg. Dieses dunkle Kapitel ist für viele immer noch nicht abgeschlossen und trübt die Aussicht auf einen baldigen EU-Beitritt.

Der Ausgang des Bosnienkrieges 1992-95 hatte nämlich eines nicht verändert, Bosnien blieb ein Land mit drei Nationalitäten und drei Religionen: muslimischen Bosniaken, orthodoxen Serben und katholischen Kroaten. Nach dem Krieg sicherte der Dayton-Vertrag, dass jede Volksgruppe von einem Repräsentanten in der Regierung vertreten wird, die sich jeweils als Staatsoberhaupt ablösen.

Zusätzlich ist Bosnien geografisch geteilt. Die Föderation Bosnien und Herzegowina (hauptsächlich Muslime und Kroaten) und die Republika Srpska (Serben) verfügen jeweils über eine eigene Exekutive und Legislative – etwas viel Föderalismus für ein Land mit knapp fünf Millionen Einwohnern. Aber dieses System scheint sich nicht zu ändern. Der serbische Teilstaat pocht auf seine Autonomie und wehrt sich dagegen, Kompetenzen auf den Zentralstaat zu übertragen, zumindest wenn es nach Milorad Dodik geht, der neue Präsident der Republika Srpska. „Unsere Hauptstadt ist Banja Luka und die Hauptstadt unseres Volkes ist Belgrad, niemals Sarajevo,“ meinte er kurz vor der Wahl.

Marija ist nicht Dodiks Meinung. Und Marija hält wenig von Spannungen zwischen den Volksgruppen. Schließlich hat die serbische Bosnierin hier in Graz ihren jetzigen Freund kennengelernt, einen Bosnier, der aus dem muslimischen Teil kommt.

Wahlen bringen keine Veränderung

Bei den diesjährigen bosnischen Parlaments- und Präsidentenwahlen hat sich eines bestätigt: Bosnien bleibt überwiegend national. Kein Wunder, meint Norbert Mappes-Niediek, Balkan-Experte der unter anderem für den Standard berichtet. “Die jeweiligen Volksgruppen wählen die Parteien, die ihre Interessen am besten vertreten – ein System, das jetzt, 15 Jahre nach dem Krieg, immer noch existiert,” so der Korrespondent. „Die Mehrheit der Bosnier ist nicht verhetzt oder rechtsnational. Aber wo die Verfassung den Nationen eine politische Position gibt, ist es nur logisch, dass man mit seiner Stimme eine Partei wählt, die sich als Vertreterin der eigenen Volksgruppe darstellt. Immerhin sind 70 Prozent der Arbeitsplätze von öffentlicher Hand abhängig. Wähle ich also eine nicht-nationalistische Partei, so schmälere ich das Budget an Ressourcen und Arbeitsplätzen, das meiner eigenen Volksgruppe zusteht und auf deren Ticket ich ja reise.“

Die bosnische Wahlurne biete also kein Potential für Veränderung. Dabei hätte dieses Land einen Wandel bitter nötig, denn die gegenseitigen Blockaden der Volksgruppen haben einen politischen Stillstand hervorgerufen. Und die Wurzel des Übels: In einem Staat sei zwar Platz für „unendlich viele Volksgruppen jedweder Herkunft“, sagt Mappes-Niediek, aber nicht für mehr als eine Nation.

„Der Krieg steckt noch stark in den Knochen“

Mitte der 90er Jahre hatte das Übel seinen Höhepunkt. Sogenannte „ethnische Säuberungen” prägten den Bosnien-Krieg mit gewaltsamen Vertreibungen, Morden an der jeweiligen anderen Volksgruppe und Massenvergewaltungen. Insgesamt gab es rund 100.000 Tote, allein 8.000 davon beim Massaker von Srebrenica.

Dieser Krieg stecke den Bosniern noch stark in den Knochen, meint Mappes-Niediek, und die Kriegsbewältigung gehe nur schleppend voran. „Die deutsche Nation konnte sich mit ihrer Nazi-Vergangenheit auseinandersetzen, ohne in irgendeinem Verteilungskampf Nachteile zu fürchten. Die Opfer waren tot oder im Ausland.“ Anders sei die Situation in Bosnien: „Hier empfindet sich die muslimische Volksgruppe als die Opfernation und weist den Serben die Rolle der Täternation zu. – Tatsächlich wurden etwa 70 Prozent der Kriegsverbrechen von Serben begangen. Wenn aber jedes Eingestehen einer Schuld für die andere Seite zu einem Argument im Verteilungskampf wird, darf man keine ehrliche Auseinandersetzung erwarten.“

Auch Marija musste die ethnischen Säuberungen in ihrem Land miterleben. “Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir als Schüler in den Schutzbunker laufen mussten, damals habe ich das sogar lustig gefunden. Aber an den schrecklichen Klang der fliegenden Bomben kann ich mich leider auch erinnern.” Marijas Gesicht wirkt fröhlich und traurig zugleich. Und doch scheint ihr typisch jugoslawischer Stolz, diese Gefühle nicht nach außen brechen zu lassen.

Trotz all dem, was in den vergangenen Jahren passiert ist, glaubt die Studentin an die Zukunft eines Gesamtstaates Bosnien: „Ich sehe die Vielfalt der drei Kulturen als Bereicherung. Nur viele Politiker wollen das anscheinend nicht wahrhaben.“

Zukunft in der EU

Aber Politiker werden gewählt, und Milorad Dodik erreichte sogar die absolute Mehrheit. Seine Wähler setzen kein Vertrauen in den Gesamtstaat Bosnien, welcher im Moment auch unmöglich sei, ist sich Mappes-Niediek sicher. „Nur ein EU-Beitritt könnte den Vielvölkerstaat eine Zukunft geben.“ Schließlich gäbe es eine ähnliche Situation in Belgien, nur dort funktioniere es, dank der EU-Mitgliedschaft.

Diese Mitgliedschaft scheint aber für Bosnien in die Ferne zu rücken, denn sie ist mit einer Forderung verknüpft: Die EU will eine gesamtstaatliche Lösung schon vor dem Beitritt, und das ist laut Mappes-Niediek schwer möglich.

Das Fleisch ist jetzt auf beiden Seiten angebraten, und Marija gibt Tiefkühlgemüse in die Pfanne. „Nach meinem Studium in Graz will ich zurück nach Bosnien,“ sagt sie mit einem Anflug von Heimweh in der Stimme. „Dort ist meine Familie, dort bin ich aufgewachsen. Das ist meine Heimat.“

Bericht verfasst von Johannes Pleschberger

Video: Religion ist Privatsache

Fernsehbeitrag: Eine neue Initiative will Religion zur Privatsache erklären und verlangt eine strikte Trennung von Staat und Religion. Dabei sei das Kreuz im Klassenzimmer das geringste Problem. Viel mehr sollen die Privilegien der Religionsgemeinschaften abgeschafft werden, so die Initiative. Darunter: die Absetzbarkeit der Kirchensteuer und der verpflichtende Religionsunterricht in Kindergärten. Zusätzlich soll eine neu eingerichtete Meldestelle Betroffenen helfen, in Härtefällen auch im Gerichtssaal.

Dieser Fernsehbeitrag wurde am 20.08.10 in der ZiB 24 auf ORF2 übertragen. Bericht: Matthias Schrom. Mitarbeit: Johannes Pleschberger (Recherche, Straßenumfrage, Schnitt)

Video: Mehr Männer “helfen”

Fernsehbeitrag: Immer mehr Männer helfen im Haushalt, nämlich doppelt so viele wie 1980. Trotzdem: Frauen erledigen zwei Drittel der unbezahlten Arbeit, sprich Hausarbeit, in Österreich. Das kritisiert Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek bei der Veröffentlichung der Zeitverwendungsstudie 2010.

Dieser Fernsehbeitrag wurde am 19.08.10 in der Zeit im Bild auf ORF2 übertragen. Bericht: Claudia Lind. Mitarbeit: Johannes Pleschberger (Recherche, Straßenumfrage)

Video: Geringes Nightline-Angebot in Graz

Fernsehbeitrag: Nur zweimal die Woche und dann jeweils nur dreimal in der Nacht – das Nightline-Angebot in Graz wird von Seiten der SPÖ und einigen Nightline-Nutzern kritisiert. Im Vergleich: Innsbruck ist halb so groß wie die steirische Hauptstadt, jedoch fahren dort jeden Tag Nachtbusse. Die Grazer Regierungsparteien ÖVP und Die Grünen rechtfertigen das geringe Angebot mit Budgetproblemen.

Dieser Beitrag wurde im Rahmen einer Lehrveranstaltung des Studienganges “Journalismus und Public Relations” an der FH Joanneum erstellt. Kamera, Ton und Schnitt von Johannes Pleschberger, Christine Drechsler und Stefanie Zmölnig.

Was das Volk begehrt

Die Initiative „Nicht rauchen in Lokalen“ will per Volksbegehren ein absolutes Rauchverbot in Österreich erreichen. Was in Bayern Unterstützung bekommt, könnte bei Österreichs Rauchweltmeistern auf Ablehnung stoßen.

Es ist Mittag in der Zinzendorfgasse im Grazer Univiertel. Studenten bevölkern die Gehsteige und schlendern mit Laptops und vollgekritzelten Notizblöcken in Richtung Stadtpark, vorbei am Lokal „Propeller“. Der 36-jährige Geschäftsführer Wolfgang Marlly lehnt an der Bar. „Hier im Univiertel ist es den Studenten egal, ob geraucht wird oder nicht“, meint er. Über die jetzige Regelung ist er aber verärgert: „Entweder ein generelles Rauchverbot, oder gar keines.“

Das Volksbegehren „Nicht rauchen in Lokalen“ sammelt Unterstützungserklärungen und will den blauen Dunst endgültig aus der österreichischen Gastronomie verbannen. Gestartet wurde die Aktion auf der Internetplattform Facebook, nach dem bayrischen Vorbild. Dort war die direkte Demokratie erfolgreich: 1,3 Millionen Bayern beteiligten sich im Dezember des Vorjahres am Volksbegehren und bewirkten einen Volksentscheid. Am 4. Juli wird abgestimmt, ob der Freistaat Bayern in Zukunft rauchfrei sein soll.

Hürde: 100.000 Unterschriften
„Nicht rauchen in Lokalen“ hat bereits mehr als 5.000 Unterstützungserklärungen. Die Vorgabe des Volksbegehrengesetzes ist 8.000 bis Mitte Juni. Danach kommt die nächste Hürde: 100.000 Österreicher müssten das Volksbegehren unterschreiben, damit der Gesetzesvorschlag im Nationalrat behandelt wird. Hauptorganisator Franz H. Doppelhofer ist zuversichtlich das auch zu erreichen: „Wir glauben, dass wir die 100.000 Unterschriften bekommen. Und bei genügend Zustimmung der Bevölkerung, wird die Politik daran gut tun, dieser Gesetzesänderung zuzustimmen.“ Das Gesundheitsministerium will noch keine vorschnellen Schlüsse ziehen. „Das Tabakgesetz wird durch eine Mehrheit im Nationalrat geändert. Mehr sagen wir nicht dazu“, so eine Sprecherin.

„Aktive Bürger werden Gastronomen anzeigen“
Zurück im Grazer Univiertel. Lokalbesitzer Marlly ist gegen ein absolutes Rauchverbot: „Generell halte ich wenig davon, Leuten vorzuschreiben was sie zu tun haben. Die Österreicher sollen selber entscheiden ob sie in ein Raucher- oder Nichtraucherlokal gehen.“ Dass die Meinungen geteilt sind lässt sich auf Facebook ablesen. Eine Gruppe, die gegen das Volksbegehren protestiert, hat bereits 58.000 Mitglieder. Fast doppelt so viele Facebook-Benutzer, genau 109.000, unterstützen hingegen das Rauchverbot.

Marlly, der neben dem „Propeller“ auch die Bar „Continuum“ besitzt, kämpft mit Umbaumaßnahmen im Zuge des jetzigen Tabakgesetzes. „Im Propeller habe ich keine Probleme, das kann ich baulich für Raucher und Nichtraucher trennen. Anders beim Continuum, das ist zu klein für zwei getrennte Räume.“ Am 1. Juli endet die Schonfrist für die Gastronomie, bis dahin müssen Umbauarbeiten abgeschlossen sein. Der Initiator des Volksbegehrens, Doppelhofer, will niemanden dazu bewegen, Lokalbesitzer bei der Polizei zu melden. „Aber es gibt genügend aktive Bürger, die Gastronomen anzeigen werden, falls diese gegen das Gesetz verstoßen, ohne dass wir dazu aufrufen“, ist sich der Organisator sicher.

Weltmeister Österreich
Österreich ist Weltmeister beim Tabakkonsum. 36,3 Prozent greifen hierzulande regelmäßig zur Zigarette, gefolgt von Griechenland (35 Prozent) und Tschechien (23,8 Prozent), so das „Guinnessbuch der Rekorde 2008“. Die Krebshilfe Österreich warnt nicht nur vor gesundheitlichen Schäden bei Rauchern. Mitarbeiter in Gastronomiebetrieben haben ein 50 % höheres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken. Laut einer britischen Untersuchung werden langfristig 1,4 % aller nicht rauchenden Gastronomiemitarbeiter an den Folgen des Passivrauchs sterben.

Rauchfreie Lokale, ohne Ausnahmen hinsichtlich Größe und Art des Betriebs und rauchfreie öffentliche Veranstaltungen in geschlossenen Räumen, das fordert das Volksbegehren. Egal wie viele Österreicher auf Facebook Gruppen beitreten, letztendlich zählt, wie viele den Weg zum Gemeindeamt auf sich nehmen.

Bericht verfasst von Johannes Pleschberger

Video: Fremdsehen mit Jin Yan

PR-Interview. Jin Yan erzählt im Gespräch mit Johannes Pleschberger von ihrem “Fremdsehen”-Projekt. Die Grazerin, mit chinesischem Migrationshintergrund, will mit Bewohnern von St. Martin (Obersteiermark) Märchen und Sagen austauschen. “Fremdsehen” ist ein Projekt der Regionale 2010. Gefilmt am 17.05.2010 im Lokal “Propeller” in Graz.

Interview, Kamera und Schnitt von Johannes Pleschberger

Jugendverein kämpft für Recht auf Freizeit

Es ist 19:50 Uhr im tief verschneiten Seeboden in Kärnten. Wo im Sommer zahlreiche Badegäste die Promenade am Millstättersee bevölkern, ist im Winter Geisterstadt angesagt. Versteckt unter einer dicken Schneedecke leben sechstausend Seelen, vier Kilometer entfernt von der Bezirkshauptstadt Spittal an der Drau. Zurzeit genießen die Kärntner Schüler ihre Energieferien. Auch in Seeboden? Nichts, trostlose Stille. Donnerstagabend und die eisglatten Straßen sind menschenleer.

Plötzlich ein lautes Lachen, unten am See. Zwei Jugendliche umarmen sich und betreten die Terrasse eines Lokals. Die Promenadenbar „Point“ öffnet heuer zum ersten Mal im Winter ihre Türen, zumindest am Wochenende. Gymnasiumschülerin Kathi Linder und ihre Freunde führen eine angeregte Diskussion, der Nachtbus ist wieder einmal das Hauptthema. Die Kärntner Gemeinden sind knapp bei Kasse und auch Seeboden fehlt das Geld: Und zwar das Geld für die Jugend, der Nachtbus soll verschwinden. Einmal die Woche, Samstagnacht, fährt der gelbe Postbus von Spittal zum Millstättersee und gibt den Jugendlichen die Chance fortzugehen.

Bürgermeister Wolfgang Klinar (ÖVP) begründet diese Aktion mit dem maroden Budget. Rund 6.000 Euro im Jahr kostet der wöchentliche Nachtbus die Gemeinde. Wobei Seeboden neben anderen Gemeinden am Millstättersee, nur einen Teil der gesamten Kosten aufbringt. Eine zu große Investition laut Bürgermeister. Jahrelang leistete sich die Marktgemeinde einen Nostalgiebus. 32.000 Euro kostet diese humorvolle Mitfahrgelegenheit für Touristen, welche dieses Jahr fix eingespart wird.

Kathi Linder ist wütend über die geplante Einsparung des Nachtbusses: „Wir haben eine Unterschriftenaktion gestartet. Die unterschriebenen Zettel bringen wir zur nächsten Gemeinderatsitzung.“ Von wegen Couch-Potatoes, diese Jugendlichen zeigen Engagement. Letztes Jahr gingen Linder und Co. einen Schritt weiter: Spontan gründeten sie einen eigenen Jugendverein, den „Jugend-Sport-Event Verein (JSEV)“ (Link: www.jsev.at). Zusammen planen und unternehmen die jungen Kärntner zahlreiche Veranstaltungen in Seeboden und Umgebung, und das ohne Unterstützung der Gemeinde. „Ha, der Bürgermeister ist keine Hilfe,“ ärgert sich die 17jährige Seebodnerin.

2010 wird ereignisreich. Der JSEV plant eine Trachtennacht, einen Jugendsporttag und eine After-Show Party des Kleinfeld-Europacups. Höhepunkt wird wie letztes Jahr die „Last Summer Night“ am 10. September. „Sozusagen die letzte Sommernacht für uns. Gleich danach beginnt wieder die Schule,“ freut sich Kathi Linder. „Dieses Jahr verlängern wir die Veranstaltung auf zwei Tage, wegen des großen Erfolges letztes Jahr.“ Über 700 Gäste feierten mit Partymusik und alkoholhaltigen Getränken die letzte Sommernacht. Engagierte Jugendliche am wasserreichsten See Kärntens, eine Garantie für genügend Freizeitangebote? Sicherlich. Jedoch, ob der Nachtbus bleibt, muss der Gemeinderat Seebodens entscheiden.

Reportage verfasst von Johannes Pleschberger

Journalistenporträt: Jenny Laimer

In nur fünf Jahren Chefin vom Dienst und Moderatorin bei ATV Aktuell

Aspernbrückengasse 2 in Wien: Eine junge Frau betritt das Nachrichtenstudio. Die Augen des Kameramannes huschen auf die digitale Uhranzeige seiner Kamera, die Zeit drängt. Ein plötzlicher Luftstoß wirbelt das lange schwarze Haar der Frau zurück. Die Nervosität schluckt sie hinunter. Endlich ist es soweit, auf diesen Augenblick hat sie lange gewartet. Ein verschmitztes Lächeln zaubert Herzlichkeit in die harten Gesichtszüge. „Einen angenehmen Freitag. Willkommen bei ATV Aktuell!“ Die Kameras schwenken und am Bildschirm blenden die Tagesthemen ein. Am 4. Dezember 2009 durfte Jenny Laimer zum ersten Mal das Publikum hinter den Fernsehbildschirmen begrüßen.

Jenny Laimer / Foto: Kainerstorfer ATV

 

Modelmaße mit Grips

Sich präsentieren, das war für Jenny Laimer nie schwer. Geboren 1980 in Melk und aufgewachsen in Bad Tatzmannsdorf, im Burgenland, nahm sie nach dem Studium etliche Modeljobs an. Mädchentraum Model? Nein, Laimer hatte anderes vor. Schon im Gymnasium war sie die einzige Schülerin ihrer Klasse, die von Anfang an wusste, wo sie in der Zukunft ihre Brötchen verdienen will. Und zwar beim Fernsehen. „Das ist es, das will ich machen!“, wusste Jenny Laimer, als sie zum ersten Mal eine Nachrichtenredaktion betrat.

Hinter dem Gesicht der jungen Nachrichtenlady steckt jedoch kein schüchternes Schulmädchen, sondern eine toughe Karrierefrau. Publizistik, Theater-, Film- und Medienwissenschaften hat die ehrgeizige Burgenländerin in Mindestzeit studiert. Im Nachhinein hätte Laimer jedoch lieber eine Fachhochschule gewählt. „Das Studium hat mich unterfordert. Damals waren die Vorlesungen sehr oberflächlich, es gab keinen praxisbezogenen Unterricht und ich habe in Wahrheit nichts gelernt, was ich für meinen Job brauchen könnte. Publizistik war also sehr trocken. Theaterwissenschaften hingegen unterhaltsam, da wir immer nur in kleinen Gruppen unterrichtet wurden.“

Musikantenstadl beim ORF - Nachrichten bei ATV

Nach dem Studium war Laimers erste Wahl der ORF. Sie arbeitete dort als Inspizientin in der Unterhaltungsbranche. Die eigentliche Berufsbeschreibung war “Mädchen für alles”, so Jenny Laimer. Wie gefordert kümmerte sie sich um die Musiker vom Musikantenstadl und sorgte für deren rechtzeitiges Auftreten. So hatte es sich die gebürtige Burgenländerin jedoch nicht vorgestellt. Zeit für echten Journalismus. Laimer bewarb sich bei der Wiener Zeitung und wurde für ein einmonatiges Praktikum angenommen. Dort arbeitete sie in der Onlineredaktion.

Über ihre darauffolgende Entscheidung ist sie sehr glücklich. Im Mai 2004 bewarb sich Jenny Laimer in der Nachrichtenredaktion ATV Aktuell, als Volontärin. „Nachdem es mir dort so gut gefallen hat, bin ich als freie Redakteurin geblieben. Ein halbes Jahr später wurde ich angestellt.“ Das war noch nicht genug, das Ex-Model wollte höher auf die Karriereleiter. „Seit ca. eineinhalb Jahren bin ich auch Chefin vom Dienst (CvD) und seit 4. Dezember 2009 Moderatorin der Nachrichtensendung.“

Kampuschs Vater wusste von nichts

Jenny Laimer interviewte den Vater von Natascha Kampusch: „Herr Koch, was wissen Sie über Ihre Tochter, wann ist sie aufgetaucht?“ Statt einer schnellen Antwort kam eine lange Pause. Er wusste von nichts. Laimer erlebte die spannendste Szene in ihrer bisherigen Journalistenkarriere. „Ich habe ihm vorsichtig beibringen müssen, dass seine Tochter Natascha gefunden worden ist.“

Ihr erstes Interview verlief hingegen anders. „Mitten am Ring (Anm. Straße in Wien) musste ich Autofahrer aufhalten, an die Fensterscheibe klopfen, und sie fragen, wie nervig es eigentlich ist, jeden Tag im Stau zu stehen. Was gefällt Ihnen gar nicht am Autofahren? – Ja, die Staus.” Unspektakuläre Frage, zu erwartende Antwort. Lieber hätte sie Barack Obama vor dem Mikro gehabt. „Er ist sehr charismatisch, ein Mensch von nebenan,“ outet sich Laimer als Obama-Fan.

„Wir lassen uns von niemandem beeinflussen“

Jenny Laimer hält Privatfernsehen in Österreich für mehr als nur wichtig. „Privatfernsehen ist nicht abhängig von irgendeiner Regierung, Privatfernsehen bietet Alternativen für die Zuseher zu dem doch schon etwas eingerosteten ORF. Doch Privatfernsehen wird leider nicht genug gefördert, das Geld fließt nach wie vor in den Österreichischen Rundfunk.“ Diese Eigenwerbung wiederholt Jenny Laimer mit der nächsten Frage. Ob die Kronen Zeitung als Sponsor von ATV Aktuell auch redaktionellen Einfluss hat? „Nein, die Kronen Zeitung hat keinen Einfluss auf ATV Aktuell,“ entgegnet sie empört. „Wir lassen uns von niemandem beeinflussen, und genau das zeichnet Privatfernsehen aus.“

Den Vergleich mit der Zeit im Bild scheut die ATV-Moderatorin nicht. „ATV Aktuell ist jung und dynamisch. Wir sind mehr Österreichbezogen. Und wir versuchen Geschichten einfach zu erzählen, am besten anhand eines Protagonisten.“ Jenny Laimer weiß, warum sie sich für ATV entschieden hat. „Wir sind nur zwölf Redakteure, bei der ZIB sind es meines Wissens nach ca. 50. Wir sind einfach anders, und das ist gut so.“

Die Veränderung birgt ein Gefahrenpotenzial

Die ATV-Moderatorin mag keine Enten. Und dabei denkt sie nicht an einen Teich in Schönbrunn. Jenny Laimer verschmäht Artikel, die nicht auf Fakten beruhen, sondern auf Mutmaßungen und somit eine Ente sind. „Durch die Veränderung des Journalismus in den letzten Jahren hat man einfach mehr Quellen,“ erklärt Laimer. Viele davon seien aber nur quakende Enten, also nichts dahinter. Dagegen hat sie ein Rezept: „Guter Journalismus macht für mich aus: recherchieren, Fakten prüfen, mit Menschen reden und den Zusehern die Wahrheit sagen und zwar so, dass sie es auch verstehen. Oft gibt es Berichte, die ein großes Fragezeichen hinterlassen und das darf nicht sein.“

Der Privatfernsehen-Fan erkennt auch die Wichtigkeit der Neuen Medien. Egal ob Facebook, Twitter, Xing oder Videoporträt auf ATV.at, Jenny Laimer versucht alle Möglichkeiten auszuschöpfen. (Link zum Videoporträt: http://atv.at/contentset/603327-Jenny%20Laimer)

Im Herzen eine echte Burgenländerin

Die ehrgeizige Karrierefrau pflegt trotz des zeitaufwendigen Jobs ein ruhiges Privatleben. Jenny Laimer genießt spannende Bücher. Lächelnd deklariert sie sich als Tess-Gerritsen-Leserin, eine amerikanische Bestsellerautorin. Ihr Lieblingsthriller: Die Chirurgin. „Ein Buch lesen und Sonne auf den Bauch scheinen lassen,“ so entspannt sich Laimer, am liebsten ganz im Osten Österreichs. Zurzeit wohnt sie in Wien. „Ich bin aber beinahe jedes Wochenende im Burgenland. In Bad Tatzmannsdorf, wo ich aufgewachsen bin, haben meine Eltern nach wie vor eine Wohnung. Außerdem haben mein Freund und ich uns ein kleines Wochenendhaus in St. Michael bei Güssing gekauft. Ich bin also nach wie vor eine Burgenländerin,“ lacht Jenny Laimer.

An ihren Traumberuf als kleines Kind kann sie sich nicht mehr erinnern. Ihre Mutter meint, er sei Moderatorin gewesen. Massenkommunikation ins Wohnzimmer der Österreicher, das ist Jenny Laimers Leidenschaft. Zum Fernsehen im 21. Jahrhundert macht sie sich auch ihre Gedanken: „Es gibt mittlerweile so viele Fernsehsender, dass man den Überblick verliert. Und es entsteht natürlich auch sehr viel Müll. Aber ich denke, es ist für jeden Zuseher etwas dabei und das ist das Schöne daran. Natürlich wird es aber umso schwerer, für kleine Sender zu überleben. Der ATV-Überlebenskampf hat schließlich auch einige Jahre gedauert, aber wir haben es zum Glück geschafft!“

Porträt verfasst von Johannes Pleschberger

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