Interview: „Sie träumen von einer besseren Welt“
Revolution in Nordafrika – Wie sieht der tunesische Migrant Taoufik Kraiem die jüngsten Vorgänge in seiner Heimat und was denkt er über die Angst vor dem Flüchtlingsansturm in Europa? Ein Gespräch mit einem Araber, der vor 34 Jahren nach Österreich ausgewandert ist, und versteht, dass seine Landsleute mehr vom Leben wollen. Mehr als der Westen ihnen jahrzehntelang ermöglichen wollte, so Kraiem.
Warum sind Sie nach Österreich ausgewandert?
Taoufik Kraiem: Ich habe damals als Schüler in Tunesien eine Sportlerkarriere verfolgt. Doch ich war dem harten Wettbewerb und Ausleseverfahren in der Schule nicht gewachsen und da ich ein rebellischer Typ war und mir das politische System gegen den Strich ging, verließ ich das Land. Zuerst habe ich in Frankreich gearbeitet und war von dort aus viel in Europa unterwegs, auch in Österreich. Später spielte ich mit dem Gedanken nach Tunesien zurückzukehren. Als ich dann aber Freunde in Österreich kennenlernte, entschloss ich mich hierher zu ziehen und die deutsche Sprache zu lernen. Das AMS gab mir grünes Licht und nach zwei Wochen fand ich hier eine Stelle.
Die Flüchtlingswelle aus Nordafrika reißt nicht ab. Fast täglich landen Boote mit Tunesiern auf der überfüllten Insel Lampedusa, die als Auffanglager dient. Haben Sie noch Familie und Freunde in Tunesien und haben die vor, nach Europa auszuwandern?
Kraiem: Meine Familie und Freunde wollen das Land nicht verlassen, das ist ihre Heimat. Aber viele junge Tunesier und Tunesierinnen wollen auswandern. Tunesien ist ja ein sehr junges Land, aber die Arbeitsplätze sind rar und zusätzlich gibt es seit Jahrzehnten ein diktatorisches System. Außerdem werden die wenigen Jobs die es gibt oft nur über Bekanntschaften und Schmiergelder vermittelt.
Italien und andere EU-Staaten haben Angst vor dem Flüchtlingsansturm, da jetzt zusätzlich 300.000 libysche Migranten erwartet werden. Welche Motivation treibt diese Menschen an und welche Zukunft stellen sie sich in Europa vor?
Kraiem: Im Fernsehen sehen die Jugendlichen Bilder vom perfekten Westen und diesen wollen sie auch erleben. Sie träumen von einer besseren Welt und glauben, in Europa ist sowieso alles automisch besser als in Tunesien. Dort, denken sie, würden sie schon irgendwie zu Geld kommen. Dabei sind viele von ihnen Akademiker oder haben einen Beruf gelernt und trotzdem bekommen sie in Tunesien keine Arbeitsstelle. Auch viele in meiner Familie. Bei der Wahl des Landes entscheiden sich die meisten zuerst für Frankreich, wegen der Sprache, oder für Italien, weil es so nahe liegt.
Würden Sie unter den jetzigen Umständen auch das Land verlassen?
Kraiem: Ich sehe das heute anders als früher. Jetzt als 60-jähriger sehne ich mich nach meiner Heimat zurück. Aber als junger Mann wollte ich unbedingt weg. Deshalb verstehe ich die Jugendlichen. Obwohl, jetzt haben wir endlich Hoffnungen, dass sich die Situation in Tunesien verbessert. Aber es ist ein weiter Weg – die Revolution ist erst zu 80 Prozent vorüber und die meisten jungen Menschen haben keine Geduld. Trotzdem, viele wollen auch in ihrer Heimat etwas erreichen und ihr Land neu aufbauen, und sie kämpfen dafür!
Vor kurzem ist der Ministerpräsident der Übergangsregierung nach blutigen Protesten zurückgetreten. Diese neue Regierung wurde von der Bevölkerung nicht akzeptiert. Ist es schwer für die tunesische Bevölkerung einer neuen Regierung zu vertrauen?
Kraiem: Es ist eine sehr turbulente und schwierige Zeit. Der neue Präsident (Beji Caid Essebsi, Anm.), der seit gestern an der Macht ist, hat viel Charisma. Er ist zwar durch und durch Politiker, war aber in seiner politischen Karriere immer sauber. Es ist natürlich schwer, alle zufrieden zu stellen. In der jetzigen Regierung gibt es immer noch Mitglieder des alten Regimes, die Bevölkerung verlangt jedoch eine komplett neue. Außerdem wollen sie endlich ein Verhältniswahlrecht, damit der Präsident weniger Macht hat und endlich direkt vom Volk gewählt wird. Doch die Macht der alten Garde ist noch sehr gefestigt und es gibt auch Tunesier, die vom alten System profitiert haben und diese Vorteile behalten wollen. Dann kommt noch Gaddafi (Anm. Muammar al-Gaddafi, libysches Staatsoberhaupt) hinzu, der die Demokratie in Tunesien verhindern will. Viele vermuten, dass jetzige Unruhestifter in Tunesien von Libyern bezahlt werden. Sie wollen Unruhe, damit das tunesische Volk sich doch das alten Regime zurückwünscht, da dieses Ihnen mehr Sicherheit geboten hat. Ich glaube aber auch, dass der Westen Libyen und die Regimes in den anderen arabischen Ländern nicht so schnell aufgeben wird. Besonders die USA will ihre Interessen bewahren. Hier gilt in erster Linie die Sicherheit Israels und das Öl. Unsere Sicherheit kommt erst später. Ich finde, der Westen hat diese Diktatoren zu lange unterstützt mit der Rechtfertigung, dass diese Regimes ein angebliches Bollwerk gegen den Islamismus wären. Diese sogenannten fundamentalistischen Islamisten sind nur eine Minderheit in unseren Ländern.
Interview verfasst von Johannes Pleschberger.
